This article
appeared in art Das Kunstmagazin, August
1994.
HIER STEHT DER SCHLIPS
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| Von Rochus Kowallek Fotos: Gerd Kittel Es waren Tage des Kalauers. "Wo geht es Frankfurt an den Kragen?" hießen roten Plakaten in der Stadt, oder "Was verbindet Frankfurt mit Oldenburg?" Und als die Rätsel gelöst wurden und das Kunstwerk eingeweiht - eine 11 Meter 89 hoch aufragende, dezent hell- und dunkelgrau gestreifte Krawatte des amerikanischen Pop-Künstlers Claes Oldenburg und seiner Frau Coosje van Bruggen -, da hieß es, noch eins drauf: "Ab heute trägt Frankfurts Kunst einen Knoten!" Tatsächlich wies auch Bernd Thiemann, Chef der Deutschen Genossenschaftsbank in Frankfurt, auf die typische Arbeitskleidung des Bankiers hin, der nun also vor dem 208 Meter hohen Verwaltungsturm seines Instituts ein Denkmal gesetzt werde. Ein Alltagsgegenstand werde zur Flagge erhoben, freute er sich, und Oldenburg fügte hinzu, es sei ihm und seiner Frau wichtig gewesen, bei dieser "Wolkenkratzer-Krawatte nach oben zu schauen". Thiemann, der Auftraggeber, entdeckte auch die Ironie, die hinter dem Pathos einer siebeneinhalb Tonnen schweren Kunststoff-Krawatte steckt: "Immerhin sind mehr als die Hälfte unserer Belegschaft weibliche Mitarbeiter." Nur der Kulturredakteur blieb ernst. Im Schatten der Frankfurter Bürohochhäuser, so lobte Eduard Beaucamp zur Einweihung der Skulptur "Kragen und Schlips, umgedreht" am 21. Juni in der "frankfurter Allgemeinen", "Beginnt sich ein Skuplturenboulevard mit brillanten Pointen zu etablieren, der den Mief einer biederen Kunst am Bau weit hinter sich läßt". Vor dem Hochhaus der Deutschen Bank in der Mainzer Landstraße knäuelt sich Max Bills Granitskulptur "kontinuität", vor der Dresdner Bank installierte er amerikanische Konzeptkünstler Sol LeWitt seine "offenen Würfel". In der Taunusanlage steht Eduardo Chillidas "Haus für Goethe", und vor dem Frankfurter Messeturm schwingt Jonathan Borofskys "Hammering Man" seinen Hammer. |
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| Die Skulpturen, mit denen
Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen (das Künstlerpaar
tritt stets gemeinsam als Urheber auf)
Alltagsgegenständen eine groteske Monumentalität
verleihen, sind über die ganze Welt verteilt. Im
Stühlinger Park von Freiburg ringelt sich ein 125 Meter
langer "gartenschlauch" (1983), im Walker Art
Center von Minneapolis balanciert eine riesige Kirsche
auf einer Brücke in Löffelform (1988). Zwischen
Hochhäusern in Philadelphia ragt eine
"Wäscheklammer" (1976) knapp 14 Meter hoch in
den Himmel, vor dem Krefelder Museum Haus Esters die
sechs Meter hohe Skulptur "Querschnitt einer
Zahnbürste mit Paste in einem Becher im Waschbecken;
Porträt von Coosjes Gedanken" (1983). In
Düsseldorf steht eine fünf Meter hohe "Tube, auf
ihren Inhalt gestrützt" (1979), vor dem Vitra
Design Musem in Weil am Rhein balancieren acht Meter hohe
Werkzeuge, Hammer, Schraubenzieher, Zange (1985), im
Boden am Fulda-Ufer steckt seit der Kasseler documenta
von 1982 eine gigantische, zwölf Meter hohe
"Spitzhacke". Die Frankfurter Krawatte jedoch,
vom Wind scheinbar gezaust und aus der Fasson gebracht,
ist die erste Arbeit des Künstlerpaars, die eine
Bewegung festhält. Die Statik dazu ist eindrucksvoll. Eine komplizierte Trägerkonstruktion gibt der 1,5 Millionen Mark teuren Glasfiber-Skulptur von innen Halt, im Sockel - verkleidet mit französischem Granit - ist sie durch ein Ankerwerk aus Stahl und Beton stabilisiert. Nach Modellen der Künstler wurde das Monument in einer Spezialfirma im kalifornischen Petaluma bei San Francisco geformt; per Schiff kam das Werk über Antwerpen in den Frankfurter West-Ha-fen, mit Polizeieskorte schließlich vor das 1993 fertiggestellte, kühl-elegante Bankgebäude an der Westendstraße. Drei Kräne waren notwendig, den Kunstoff-Binder aufzurichten; die Arbeiten dauerten die ganze Nacht. Eine Jury hatte der DG Bank bei der Auswahl eines Kunstwekrs helfen sollen, mit dem das Geldinstitut seinen preisgekrönten Neubau des New Yorker Architecktenbüros Kohn Pedersen Fox als "zeitgemäßes Zuhause für eine fortschrittliche Kunstauffassung" präsentieren wollte. Kasper König, Vorsitzender der Expertenkommission und Rektor der Frankfurter Städelschule, schlug Claes Oldenburg vor - obwohl der 1929 geborene Künstler gerade eine Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum vorbereitet und darüber das Interesse für seine künstlerischen Anfänge wiederentdeckt hatte: "Mehr Zeichnungen, kleinere Objekte" solle es nun geben, kündigte er ART in einem Interview im Dezember 1991 an, "und handgemachte Arbeiten". Doch Frankfurt reizte ihn, noch einmal zu den Monumentalwerken zurückzukehren. "Ich möchte", sagt er, "daß meine Arbeiten vor guten Gebäuden stehen." Und Kasper König warnt davor, den im Flattern erstarrten Schlips als biedere Bürokultur mißzuverstehen: "Große Skulpturen", sagt er, "sind nur dann wirklich bedeutsam, wenn sie ganz hart am Kitsch vorbeigehen." |
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Last updated: 09/21/06 |